Ein Hohelied aufs Landleben

Sowohl das Buch als auch die Wäscheklammern zeigen einen Trend. Bücher dieser Art verkaufen sich wie geschnitten Brot. Waren es in früheren Jahren Aussteigergeschichten, die in Kanada, Frankreich oder Spanien spielten, so sind es 2018 ganz viele Menschen, die sich literarisch nach Norddeutschland gezogen fühlen. Ob Friesenkrimis oder schöne Urlaubsgeschichten von Borkum im Westen bis Usedom im Osten, wir träumen uns aufs platte Land oder zu den oft tideabhängigen Inseln.

Ich glaube, wir sehnen uns nach einer Übersicht (in Ostfriesland sieht man angeblich schon morgens, wer am Nachmittag zum Tee kommt, so weit ist die Aussicht) in unserem unübersichtlichen  Alltag, nach der Verlässlichkeit der Gezeiten und nach der Unaufgeregtheit, mit der das Leben auf den Inseln gelebt wird. Ich schätze, wenn ich die ebenfalls zahlreichen Bazi-Krimis sehe, es ist in Süddeutschland ähnlich, aber mir sind die Norddeutschen näher in jeder Hinsicht.

Auch in einer (bemerkenswert für den schwierigen Markt gedruckter Presse-Erzeugnisse) wachsenden Zahl von Zeitschriften die das „Land“ mit wechselnden Namenszusätzen preisen, zeigt sich die Diskrepanz, dass immer mehr Menschen in Großstädten wohnen, aber sich nach dem Landleben sehnen. Ich weiß noch nicht, was das für die Zukunft letztlich bedeutet, denn klar ist auch: würden diese ganzen Großstadtpflanzen (ist nicht abwertend gemeint, aber auch echte Pflanzen haben ihren speziellen Lebensraum, den sie brauchen, um gut zu gedeihen) auf einmal ihre Träume wahr machen, dann wäre die Ruhe und der Ausblick in der Provinz auch futsch…

Aber wenn die vielen engagierten Autorinnen (selten Männer, wenn überhaupt, dann für die unfeinen Details zwischenmenschlicher Abgründe) dafür sorgen, dass wir zumindest per Kopfkino ein bisschen dieser Zuflucht finden, dann gerne mehr davon.

Um auf die Wäscheklammern zurückzukommen: Die habe ich mir aus ganz praktischen Gründen zugelegt, weil ich Probleme habe, die Klammern zu bedienen, die man zusammendrücken muss. Aber als ich dann in meinem Korb mit ungefähr 200 Holzklammern wühlte und die mit einem unbeschreiblichen Geräusch, das den Widerstand der nassen Wäsche wiedergab, auf die Wäschespinne steckte, das hörte sich so nach meiner Kindheit an, dass es mir einen Schauer den Rücken runterjagte…

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Ja was zählt denn nun wirklich?

Das Buch verkauft sich wie geschnitten Brot, so wie zurzeit fast alle Bücher von John Strelecky. Das allein ist ja nicht unbedingt ein Qualitätsmerkmal, denn auch die Schmahamas-Verschwörung steht seit vielen Wochen in der Bestsellerliste…

Aber was ist dann die Faszination an diesen Büchern? Ich habe selbst gern „Das Café am Ende der Welt“ gelesen und da ich mich auf eine Facharbeit in Wirtschaftsethik vorbereite, habe ich auch die Big Five gelesen. Als Alternative zu den trockenen Fachbüchern.

Erstens ist es in eine Geschichte verpackt. Das kommt schon mal besser an als der erhobene Zeigefinger.

Zweitens trifft Strelecky ganz offensichtlich einen Nerv, der bei vielen Menschen blank liegt: Die zunehmende Unübersichtlichkeit und Geschwindigkeit der Welt, der Gesellschaft, der Wirtschaft…

Die einen flüchten sich in eine Haltung des: „Früher war alles besser“, verbunden mit einer teilweise krankhaften Flucht in Separatismus, Nationalismus und sonstige -Ismen, gern gespickt mit „links-grün-versifften Verschwörungstheorien“. Keine gute Alternative, denn rückwärts geht die Zeit nun mal nicht. Zum Glück!

Der Wunsch, in unsere heutige Zeit als einzelner Mensch ein bisschen mehr Gemeinwesen und Solidarität zu bringen, liegt mir und vielen anderen da schon eher. Nach dem Motto: „Wenn jede/r ein bisschen mehr auf die Umwelt, die Mitmenschen, das Große Ganze achtet, dann ist schon einiges gewonnen“. Und da passen die Bücher von Strelecky einfach. Nicht alles ist neu erfunden, manches mag man als Binsenweisheit abstempeln, aber wie so oft: Mitunter brachen wir einen Impuls von außen, jemanden, der uns das Bekannte einfach nochmal schriftlich aufs Butterbrot schmiert!

Ich ertappe mich übrigens dabei, dass ich mich jetzt bei Prominenten (egal ob international, national oder regional) öfter mal frage, ob die Person eigentlich ihre persönlichen Big Five kennt und danach lebt. Bei Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier bin ich mir da ziemlich sicher, auch bei Sahra Wagenknecht und ich befürchte, sogar bei Herrn Gauland  gibt es diese Orientierung 😦 …

Bei Jogi Löw, der jetzt sicher kollektive Kloppe kriegen wird, und sogar bei Ulrich Parzany gehe ich auch davon aus, und natürlich bei Papst Franziskus.

Bei mir selbst bin ich mir nicht so sicher, aber ich arbeite dran. Schon lange und eher unbewusst, aber es musste mir halt mal einer schriftlich… siehe oben 😉

Neugierig geworden? Prima!

Das eine muss ich, das andere tut mir gerade gut

Ich bin krankgeschrieben und darf eigentlich nicht reden. Kehlkopfentzündung. Man sollte meinen, ich hätte damit viel Zeit für meine diversen Facharbeiten, die ich noch fertigzustellen habe. Auch eigentlich.

In der Praxis ist es komplizierter. Ich werde und werde einfach nicht fertig mit meiner Fachliteratur. Ist ja auch schwierig, denn als gelernte Buchhändlerin ist es ein Klacks für mich, immer noch mehr Bücher zu meinen Themen zu finden und die beschaffe ich dann auch noch. Einfach unersättlich!

Andererseits ist meine Konzentrationsfähigkeit noch nicht wieder voll da. Also lenke ich mich ab. Mit Katzenkrimis von Rita Mae Brown. Ich habe die ganze Reihe im Bücherregal, alle schon mal gelesen (das ist gut, denn so komme ich schneller durch…). Und die sind zurzeit Balsam für die Seele.

Erstens: mehr Kontrast zu Kirchengeschichte und systematischer Theologie kann ich mir kaum vorstellen. (Vielleicht „Fifty Shades of Grey“, aber da hab ich keinen Bock drauf). Zweitens: manchmal sind Tiere, vor allem Katzen und Hunde, doch die besseren Menschen. Sätze wie „Immer wenn die Menschen sich in die Geschichte zurückversetzten, bilden sie sich ein, damals wären sie reich und gesund gewesen. Die sollten mal rausfinden, wie das war, wenn man im achtzehnten Jahrhundert Zahnschmerzen hatte“ spiegeln recht gut das diffus mulmige Gefühl, das mich habe, wenn Leute großspurig behaupten, dass früher alles besser war.  Und drittens ist mir aufgefallen, dass die Gesellschaft in den USA bereits in den 1990er Jahren, aus denen die Bücher stammen, mit ganz ähnlichen Themen gerungen hat wie heute, obwohl sie noch keinen Trumpel an der Spitze hatten.

So. Noch ein Kapitel, dann geht es aber ganz bestimmt zurück zu Alister McGrath und der Erlösungslehre 😉